Wer sich für digitale Alternativen zum guten alten Röhren-Amp interessiert, wird in letzter Zeit häufiger über die Begriffe „NAM“ oder „Neural Amp Modeler“ gestolpert sein. Dahinter verbirgt sich eine frei zugängliche Technologie zum Clonen von Verstärkern und Pedalen, die in den Ohren vieler Gitarristen zur neuen Referenz im Amp-Profiling werden könnte. Eine kostenlose Alternative zu Kemper, ToneX & Co., ohne Hersteller-, Lizenz- oder Hardware-Bindung? Das klingt doch verlockend. Wir haben für euch das NAM-Phänomen unter die Lupe genommen.

Was ist Neural Amp Modeling (NAM)?
NAM ist eine KI-basierte Open-Source-Technologie, die digitale Modelle von analogem Equipment erstellt. Dies können Gitarren- und Bass-Amps, Pedale, Preamps oder ganze Signalketten sein. Für das Neural-Amp-Modeling wird ein Messsignal (Sweep-Signal) durch die betreffende Signalkette geschickt, mit dem trockenen Signal verglichen und über ein neuronales Netzwerk trainiert (AI Machine Modeling). Das Ergebnis ist ein digitales Abbild, das den Sound und das Verhalten der Signalkette im Detail nachbildet.
Das Bindeglied zwischen User und NAM-Technologie ist die Tone3000-Homepage, auf der NAM-Captures kostenlos erstellt und geteilt werden können. Chef-Entwickler Steven Atkinson hat NAM als Open-Source-Technologie konzipiert, sodass auch andere Entwickler den Quellcode lesen, Verbesserungen vornehmen oder eigene Produkte ohne Lizenzrestriktionen erstellen können.
Wie kann ich NAM-Profile spielen?
Der einfachste Einstieg in die Welt der NAM-Profile ist das kostenlose Neural Amp Modeler Plugin (mittlerweile „Gateway“) für Mac und PC, mit dem ihr NAM-Captures kostenlos laden und spielen könnt. Da viele Captures nur das DI-Signal eines Amps beinhalten, kann das Plugin auch IRs laden. Auch auf der Hardware-Seite ermöglichen immer mehr Hersteller das Laden von NAM-Profilen auf ihren Modeling-Amps. Vorreiter wie der Dimehead Nam Player oder die Sonulab StompStation PRO haben den Anfang gemacht. Hersteller wie Headrush, Valeton oder Mooer sind dem Vorbild bereits gefolgt.

HeadRush erweitert Prime, Core und Flex Prime per kostenlosem Firmware-Update um die Unterstützung des Neural Amp Modeler (NAM) und die direkte Anbindung an TONE3000 – ganz ohne Computer.
Mit der neu entwickelten Architecture „A2“ hat das Team um Atkinson die NAM-Technologie nach eigenen Aussagen noch einmal klanglich verbessert und gleichzeitig fit für die Zukunft gemacht. NAM-Captures können nun bei Bedarf in einer weniger rechenintensiven Lite-Version auch auf Geräten mit geringer Prozessorleistung nativ (ohne Konvertierung) geladen werden.
So erstellt ihr euer eigenes NAM-Capture
DAW Setup
Zum Erstellen eines NAM-Captures benötigt man zunächst das sogenannte Sweep-Signal, das zum freien Download auf der Tone3000-Seite zu finden ist und als Wave-Datei in eure DAW geladen wird. Die Mono-Spur mit dem Sweep-Signal routet ihr nun auf einen der Ausgänge eures Audio-Interfaces. Über diesen Ausgang geht es dann hinein in eure Signalkette (Amp, Pedal, Preamp etc.) und wieder zurück in einen der Eingänge des Audio-Interfaces. Jetzt braucht ihr nur noch eine zweite Spur, die das Eingangssignal wieder aufnimmt, und fertig ist der „Capture-Kreislauf“.
Aufnahme/Reamping
Gitarren-Amps und Pedale sind es gewohnt, hochohmige unsymmetrische Signale zu empfangen. Leider liefert ein Audio-Interface an seinen Ausgängen in der Regel das genaue Gegenteil, ein niedrigohmiges symmetrisches Signal. Was für eure Studiomonitore oder nachfolgenden Mischpulte genau das Richtige ist, erzeugt am Gitarren-Amp zu hohe Pegel und ungewollte Veränderungen im Frequenzgang. Abhilfe schafft hier die sogenannte Reamping-Box oder eine handelsübliche DI-Box, die auch in „umgekehrter“ Richtung (symmetrisch → asymmetrisch) verwendet werden kann.
Mein Tipp: Das Lehle P-Split III ist ein hervorragendes Tool zur Lösung vieler Alltagsprobleme des gemeinen Musikers (Splitten, Summieren, Entbrummen etc.). Nebenbei kann das P-Split auch als umgekehrte DI-Box verwendet werden und liefert beim Reamping hervorragende Ergebnisse.
Mixdown
Nachdem ihr das Sweep Signal durch euer Equipment geschickt und wieder aufgenommen habt, braucht ihr nichts weiter zu tun, als die aufgenommene Spur in der exakt gleichen Länge des Sweep-Signals zu exportieren (24-bit, 48 kHz, Mono).
Upload/Download
Euer fertiges Audiofile könnt ihr nun auf der Tone3000 Homepage uploaden und bei Bedarf um Fotos und weitere Beschreibungen ergänzen. Das NAM-Profil wird nach dem Upload innerhalb weniger Minuten automatisch erstellt und taucht danach als Download im .nam-Format in eurem Profil auf. Hierfür ist nichts weiter nötig als eine E-Mail-Adresse und es werden keine weiteren Kosten oder Mitgliedschaften erhoben.
Wie klingt NAM?
Im Praxis-Check haben wir für euch drei Szenarien erstellt, um die unterschiedlichen Möglichkeiten beim NAM-Capture-Prozess darzustellen. Für die bestmögliche Vergleichbarkeit werden alle Gitarrenparts von einem Looper-Pedal abgespielt und ohne jede weitere Bearbeitung (bis auf etwas Reverb) in Logic aufgenommen. Alle NAM-Profile und IRs werden über das Neural Amp Modeler Plugin („Gateway“) geladen und auch dort nicht weiter bearbeitet.
Im ersten Beispiel habe ich meinen Test-Amp (Budda Superdrive 45) hinter einem Vahlbruch Kaluna Overdrive über das DI-Out eines Two Notes Torpedo Captor X aufgenommen. Ihr hört zunächst das Originalsignal und danach das NAM-Capture der Signalkette. Für beide Aufnahmen wurde selbstverständlich dieselbe IR verwendet.
Weiter geht es mit einem Tone King Imperial Preamp, bei dem das „fertige“ Signal (inklusive Onboard-IR) gecaptured wird.
Als letztes hören wird das NAM-Capture eines Boss BD-2w Verzerrers im Vergleich zum Original-Pedal vor einem cleanen Amp-Capture.
Ganz im Sinne der Open-Source-Philosophie stehen die eben gehörten NAM-Captures für euch natürlich auch zum freien Download bereit.
Ist NAM die Zukunft des Amp-Profilings?
In der schnelllebigen digitalen Welt ist diese Frage natürlich schwer zu beantworten. Tatsache ist aber, dass die NAM-Technologie zum heutigen Zeitpunkt eine echte Kampfansage an die etablierten Hersteller von Amp-Profiling- bzw. Capturing-Technologien ist.
Mit proprietären Formaten, komplizierter Lizenzierung und geschlossenen Communitys ziehen viele Firmen mittlerweile den Groll der User auf sich. Da kommt das hervorragend klingende und unkompliziert zu nutzende NAM-Format gerade recht und könnte zum Vorbild zukünftiger Technologien werden. Ob sich NAM allerdings zum neuen Standardformat für die breite Masse entwickelt und weitere Hardware-Hersteller beim Support mitziehen, wird die Zeit zeigen.























