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Interview: Helen De La Rosa – Aus der Dominikanischen Republik auf die großen Bühnen

Helen De La Rosa ist eine der wenigen Drummerinnen aus der Dominikanischen Republik, die sich auf internationalem Parkett einen Namen gemacht haben. Sie tourte mit dem spanischen Popstar Alejandro Sanz durch die Stadien, spielt in Clubs mit Jazz- und Fusionmusikern. Dabei legt sie den Fokus insgesamt immer darauf, wonach ihr gerade der Sinn steht. Wie sie als “working musician” in Los Angeles, wo sie aktuell wohnt, lebt und musiziert, das hat sie uns im Interview erzählt.   

Helen De La Rosa Interview
Alle Fotos: Christoph Behm

Wie hast du seinerzeit die Musikszene in Santo Domingo, wo du aufgewachsen bist, erlebt? 

Nun, es gab zunächst einmal keinerlei Musikindustrie oder eine Infrastruktur für professionelle Musiker. Keine Übemöglichkeiten, keine Studios, keine Engineers, nichts davon. Für mich als Frau war das alles noch einmal schwieriger – obwohl ich selber über all diese Dinge damals gar nicht mal so sehr nachgedacht habe. Ich spürte einfach diese Leidenschaft für Musik. Mit 15 Jahren habe ich begonnen, Konzerte in der Stadt zu spielen. Zuvor hatte ich lediglich zu Hause geübt. Wenn du in diesem Gesamtkontext etwas derart Außergewöhnliches machst wie ich, dann musst du mit der entsprechenden Reaktion leben. 

Wie sieht’s heute aus? 

Mit der Zeit ist das alles natürlich besser geworden, aber dennoch bin ich bislang die einzige professionelle Drummerin aus der Dominikanischen Republik – was natürlich absolut verrückt ist. Es haben sich wohl einfach nicht so viele Menschen diesen Weg ausgesucht, wobei die Entscheidung natürlich auch einiges an Mut brauchte. Du musst, selbst heute, Entscheidungen einfach für dich treffen und deinen eigenen Weg suchen. Dafür wiederum musst du ziemlich hart arbeiten, denn es gibt keinen vorgezeichneten Weg. 

In meiner Teenager-Zeit mussten wir alle mit einer ökonomischen Krise und der Tatsache, dass es einfach nichts gab, klarkommen. Dann die Entscheidung zu treffen, einen solchen Beruf auszuüben und nach Berklee gehen zu wollen, das war schon eine ziemliche Sache. Wie sollte das alles denn bitte funktionieren? Diese Zeit werde ich niemals vergessen. Ich wollte damals aber unbedingt weitermachen und war mir klar, dass ich vor Ort sozusagen die Decke erreicht hatte. Also musste ich reisen, um weitere Erfahrungen zu machen. Dafür hatte ich durch meine Jobs etwas Geld sparen können.

Wie sah die Musikszene vor Ort stilistisch gesehen aus? 

[Grinst.] Diese Frage kenne ich nur allzu gut. Ich bin eine Rebellin im Herzen, und viele Leute haben mir damals erzählt, ich müsse dies und das spielen, um irgendwo Fuß zu fassen. Ich aber dachte, wer zur Hölle derjenige denn sei, dass er mir erzählen könne, was ich spielen solle und was nicht. So was habe ich nie verstanden, immer dagegen rebelliert und für mich die Entscheidung getroffen, alles zu spielen, das sich mir angeboten hat. 

Musik hat schließlich diese besondere Kraft, und dabei ist es völlig egal, welche Art von Musik du machst, hörst oder welche Sprache du sprichst.

Ich habe in der Kirche Gospelmusik, in den Straßen Merengue, Funk, Pop, Rock und alles mögliche gespielt. Dazu kamen Fusion, Jazz, Folklore und Metal mit Doublebass-Pedal. Mir war das völlig egal und ich liebe es, mich einfach fallen zu lassen und herauszufinden, wie das alles funktioniert. Jede Stilistik hat ihre Eigenheiten und Herausforderungen. Du kannst das alles schlussendlich mögen oder nicht, aber du hast deine Erfahrungen gemacht. So was hat mir immer schon gefallen.

Ich liebe es, mich einfach fallen zu lassen", sagt Helen De La Rosa über ihren Ansatz beim Schlagzeugspielen.
Ich liebe es, mich einfach fallen zu lassen”, sagt Helen De La Rosa über ihren Ansatz beim Schlagzeugspielen.

Dann hast du als bislang erste und einzige Musikerin aus der Dominikanischen Republik ein Stipendium für Berklee bekommen… 

Ich habe nach der Audition – und das ist eine Geschichte für sich – tatsächlich dieses Stipendium bekommen, ja. Für mich war die ganze Sache damals einfach völlig verrückt – überhaupt dort zu sein und vorspielen zu können. Ich war mit meinem Bruder dort, der ebenfalls vorgespielt hat, wollte alles mögliche aufsaugen und bin mit der gleichen Einstellung nach Boston gefahren, mit der ich auch zuvor schon Musik gemacht hatte: einfach reinspringen in Dinge, von denen ich überhaupt keine Ahnung habe, und sehen, was passiert. Die nächsten vier Jahre lang habe ich alles gelernt und mitgenommen, was sich mir geboten hat. 

Heute lebst du in Los Angeles? 

Ja, nachdem ich nach Berklee schon mal dort gelebt, aber auch eine ganze Zeit auf Tour verbracht hatte. Los Angeles hat sich in den letzten Jahren ziemlich verändert. 

Inwiefern? 

Die ganze Welt verändert sich ständig. Ökonomisch gesehen war Los Angeles noch nie so teuer wie heute, allein die allgemeinen Lebenshaltungskosten. Wenn ich heute mit Kollegen aus anderen Bereichen spreche, dann tun sie alle immer drei, vier Dinge, um über die Runden zu kommen. Früher hat es funktioniert, ausschließlich Gigs zu spielen, damit seine Rechnungen zu bezahlen und auch noch Geld zu sparen. Heute sieht das anders aus, denn viele der Clubs und Jam-Sessions gibt es nicht mehr. 

Das hat vor allem mit den Nachwirkungen der Pandemie zu tun. Es ist eine Art Übergang, an dem die Leute versuchen, neue Dinge zu etablieren, weil alte weggebrochen sind. Die Dynamik hat sich verändert, und es gibt weniger Locations, auf die sich mehr Leute verteilen, ein riesiges Angebot von superguten Musikern, die verrückte Sachen machen. Manchmal gehst du für ein paar Dollar zu einer Session und bekommst Musik in einer Klasse zu hören, die du niemals für möglich gehalten hättest. Da musst du dich wirklich selber kneifen, um es zu glauben. Das Level liegt unheimlich hoch – und genau das inspiriert mich, treibt mich immer weiter an. Du kannst in einer Stadt wie Los Angeles nicht faul sein, aber diesen Druck finde ich cool. Wenn du nach ein paar Jahren aus dieser Szene herauskommst, dann merkst du deutlich eine Veränderung. Das mag nicht für jeden geeignet sein, aber mich inspiriert diese Situation. 

Leidenschaft ist für Helen De La Rosa das Wesentliche beim Musikmachen.
Leidenschaft ist für Helen De La Rosa das Wesentliche beim Musikmachen.

Heute bist du auf vielen Ebenen unterwegs, tourst international mit Alejandro Sanz, spielst aber auch zahlreiche Jazz- und Fusiongigs in Clubs. Wo liegen für dich da die wesentlichen Unterschiede? 

Ich war fünf Jahre lang in der Band von Alejandro, jetzt nicht mehr. Heute spiele ich mehr in den Clubs: Cumbia, Funk, Pop und einige grooveorientierte Jazzsachen. Die Arbeit bei Alejandro hat viel Spaß gemacht, denn ich hatte viel Platz, um mich am Schlagzeug auszutoben und reinzuhauen – aber ich brauchte einfach wieder etwas anderes. Diese Dynamik reizt mich zu sehr. 

Es gibt bei so großen Tourneen immer wieder ganz verschiedene Herausforderungen: Jeder Musiker, der solche Touren spielt, wird dir bestätigen, dass es irgendwann dieses eine Konzert gibt, das du einfach nicht spielen möchtest. Das mag zum Beispiel daran liegen, dass in deiner Familie ein Unglück passiert, jemand gestorben ist oder was auch immer. Du sitzt vor vielleicht 60.000 Zuschauern und sollst, gerade als Drummer, trotzdem dein Herz herausspielen. Das ist dann echt hart. Dieses Energielevel unter einer solchen Herausforderung zu erreichen, das ist die eigentliche Challenge. Da habe ich an manchen Tagen wirklich die Unterstützung meiner Bandkollegen gebraucht. Deswegen ist es so wichtig, verlässliche, gute Typen in der Band zu haben. 

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Bei kleineren Clubs hingegen musst du die Musik respektieren und ein Gefäß für sie sein. Musik hat schließlich diese besondere Kraft, und dabei ist es völlig egal, welche Art von Musik du machst, hörst oder welche Sprache du sprichst. Musik berührt einfach etwas in dir, und das ganz unvermittelt. Das wiederum überträgt sich in einem kleineren Club direkt aufs Publikum, und du bekommst auch direkt etwas zurück. Sich diese Tatsache immer wieder bewusst zu machen, das ist für mich eine der besonderen Herausforderungen bei dieser Art von Gigs. 

Du spielst auch zusammen mit der ursprünglich aus Argentinien stammenden Drummerin Guilliana Merello zusammen im Duo “Back to Backbeat”. Wie kam’s dazu? 

Da geht es natürlich vor allem um den Backbeat, und wir sitzen zudem mit dem Rücken zueinander. Schlagzeug zu zweit zu spielen, ist eine besondere Herausforderung, denn normalerweise bist du als Drummer der Boss, und zwar für dich allein. Sich aber mit einem anderen Drummer abzustimmen und genau zuzuhören, was der- oder diejenige gerade tut, das erfordert besondere Aufmerksamkeit. Genau darin liegt für mich der Spaß bei dem, was wir da tun. Wir haben zudem eine persönlich enge Freundschaft. Es gibt im Programm natürlich komponierte Passagen, aber eben auch freie Improvisationen, wo viele Dinge gefühlsmäßig passieren. 

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Du wirst als eine “influential woman” im Musikbusiness gelistet. Was bedeutet ein solches Etikett für dich? 

Als Drummerin, besonders mit meinem Hintergrund und meiner Entwicklung, bist du immer noch etwas Ungewöhnliches, sozusagen eine bunte Kuh. Ich erzähle dir dazu eine Geschichte: Ich habe einmal ein Konzert in Guatemala gespielt und im Publikum war dieses Mädchen, vielleicht sieben oder acht Jahre alt. Sie saß in der ersten Reihe und ließ mich den ganzen Gig lang keine Sekunde aus den Augen. Nach der Show kam sie zu mir, nahm mich in den Arm und ließ einfach nicht mehr los. Sie sagte mir, dass sie sich niemals hätte vorstellen können, dass ein Mädchen so Schlagzeug spielen könnte. 

Ich tue das alles schließlich einzig und allein, weil ich Musik liebe und nicht weil ich mich als ‘female drummer’ verstehe. Ich bin nun mal zufälligerweise eine Frau [lacht]

Was machst du mit solch einer Reaktion? Ich tue das alles schließlich einzig und allein, weil ich Musik liebe und nicht, weil ich mich als ‘female drummer’ verstehe. Ich bin nun mal zufälligerweise eine Frau [lacht], hatte immer Zugang zu Musik und habe daher auch ziemlich viel mitbekommen. Aber in diesem Moment wurde mir klar, dass das offensichtlich nicht allen Menschen möglich ist. Für dieses eine Mädchen ein Vorbild zu sein, das ist mir eine Ehre. Auf der anderen Seite bin ich der Meinung, dass die Zukunft besser wäre, wenn solche Dinge überhaupt keine Rolle mehr spielen würden. 

Es sollte lediglich darum gehen, was jemand spielt und nicht darum, welches Geschlecht er hat. Davon ist Helen De La Rosa überzeugt.)
Es sollte lediglich darum gehen, was jemand spielt und nicht darum, welches Geschlecht er hat. Davon ist Helen De La Rosa überzeugt.

Klar, so was sollte ja ganz normal sein. 

Richtig. Es sollte lediglich darum gehen, was jemand spielt. Natürlich gibt es eine eher maskuline Art des Schlagzeugspielens – auf der anderen Seite aber eben auch eine eher weibliche. Die Drums sind sehr direkt, und deswegen kann man die Persönlichkeit des Musikers auch sehr direkt spüren. Das ist doch toll! Die Individualität ist viel wichtiger als das Geschlecht. In der Band von Alejandro war es zum Beispiel so, dass es sechs Frauen und sechs Männer gab. Dieses ausgewogene Verhältnis war toll, vor allem deswegen, weil man zum Beispiel nicht die einzige Frau war. Auch eine All-Female-Band ist toll, und ich liebe meine Mädels, aber manchmal… [lacht] Ich mag den Mix viel mehr. 

Wie geht’s jetzt für dich weiter? 

[Pause]. Mein Plan ist, jeden einzelnen Tag meines Lebens in vollen Zügen zu genießen [lacht]. Ich reiße mir den Allerwertesten auf, um den Tag zu erschaffen, den ich jeden Tag erleben möchte. Ich will einfach nichts spielen müssen, das ich nicht spielen mag. Für diesen Weg muss man aber mutig sein, denn man muss zu vielem nein sagen. 

So kann man einiges verpassen, musikalisch wie finanziell… 

Ja, es kann schon sehr riskant sein. Aber ich sehe es so, dass ich nur das machen möchte, was mir wirklich wichtig ist – auch mit den Musikern, die mir wichtig sind. Deswegen arbeite ich derzeit auch an meiner eigenen Musik, was für mich wieder ein ganz neuer Weg ist. Ich habe noch keine Idee, was ich da gerade mache [lacht], gebe aber mein Bestes. Ich war auf dem besten College, habe mit einem der größten spanischen Musiker in den großen Stadien gespielt; jetzt bin ich in einer anderen Welt, die mich wieder auf eine ganz neue Weise herausfordert. Ein neues Kapitel. 

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Biografie: 

Helen De La Rosa stammt aus der Dominikanischen Republik. Nach ihrem Abschluss am National Conservatory of Music in Santo Domingo bekam sie ein “Presidential Scholarship” am Berklee College of Music in Boston. Damit ist sie die erste und bislang einzige Musikerin aus der Dominikanischen Republik mit einer solchen Förderung. In ihrer Zeit in Boston spielte sie unter anderem mit Terri Lyne Carrington, Steve Bailey und anderen. Sie trat mit Juan Luis Guerra, Marcus Miller, Victor Wooten, Donny McCaslin, Maro, Miki Howard, Philip Lassiter und vielen mehr auf. Außerdem war sie mit dem vielfach (Latin-)Grammy-ausgezeichneten Popmusiker Alejandro Sanz auf Tour. 

Helen De La Rosas Setup beim Meinl Drumfestival 2026
Helen De La Rosas Setup beim Meinl Drumfestival 2026

Equipment: 

  • Drums: Gretsch  
  • 22″ x 16″ Bassdrum
  • 12″ x 8″ Tom (optional: 10″ x 7″ Tom)
  • 16″ x 14″ Floortom
  • 14″ x 5″ Snaredrum (Metall)
  • 14″ x 6″ Snaredrum (Holz) 
  • Cymbals: Meinl 
  • 6″ “Byzance”-Splash
  • 10″ “Byzance Dual”-Splash
  • 14″ “Byzance Fast”-Hats
  • 14″/16″ “Byzance Vintage Smack”-Stack
  • 18″ “Byzance Quick Sand”-Ride
  • 19″ “Byzance Brilliant Medium Thin”-Crash
  • 19″ “Byzance Dual”-Crash
  • 20″ “Byzance Dual Trash”-Crash
  • 22″ “Byzance Extra Thin Hammered”-Crash
  • 16″ “Classics Custom Dark Trash”-Stack
  • 18″ “Classics Custom Trash”-Crash (on top)
  • 16″ “Practice HCS”-Crash (Bottom)
  • 12″ “Pure Alloy Custom Trash”-China
  • 20″ “Pure Alloy Custom Extra Thin Hammered”-Crash
  • 10″/10″ “Artist Concept Model Temporal”-Stack
  • Percussion: Meinl
  • 6″ “Spectrum Series Drummer Snare Timbale”
  • 5″ “Benny Greb Artist Series Hi-Hat Tambourine”
  • Sticks: Meinl (Standard 5A Hickory) 
  • Heads: Remo
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