Ich habe letztens mit einem Kollegen zusammengesessen und mit ihm zunächst ein wenig über die Unsitte gesprochen, „Desert Island Microphones“ zu definieren. Dann ging es um Sinn und Nutzen verschiedener Mikrofonypen. Wir sind im Laufe des Gesprächszu dem Schluss gekommen, dass man seinen Tontechnik-Alltag auch ohne Großmembran-Kondensatormikrofon ganz gut bestreiten kann. Alleine diese Aussage wird wahrscheinlich bei manchen Personen wie Blasphemie aufgenommen, schließlich sind unter den Traum-Mikrofonen vieler Engineers Großmembraner wie Neumann U67, U47, Sony C800 und AKG C12. Der Mikrofontyp zählt außerdem zu den verbreitetsten der Welt, zudem als Standard bei Sprach- und Gesangsaufnahme.

Großmembran-Kondensatormikrofone: wozu?
Es hat natürlich seine Gründe, dass Großmembran-Kondensatormikrofone konzipiert, hergestellt und benutzt werden. Durch die im Vergleich zu Kleinmembranern größere Membranfläche ist bei ansonsten gleichen Parametern die Kapazität des Kondensators höher und somit die abgreifbare Spannung. Das bedeutet, dass das Rauschen eine geringere Rolle spielt. Bei richtenden Großmembranern (also fast allen) ist die Tiefenwiedergabe besser, außerdem gibt es häufig einen Präsenzboost und eine Schärferücknahme, wodurch das Mikrofonsignal dem Klang von Stimmen zuträglich ist. Darüberhinaus können umschaltbare Doppelmembran-Kondensatormikrofone terschiedlichste Pattern darstellen, von Kugel über Niere bis zur Acht. Und nicht vergessen: Der Klang von Röhrenmikrofonen gilt als besonders hochwertig und charaktervoll.

Eine Frage, die häufig gehört wird, lautet “Ist ein Kondensatormikrofon besser als ein dynamisches Mikro?” Wie so oft gibt es nicht die eine, klare Ja-/Nein-Antwort zur Wahl zwischen dynamischem und Kondensatormikrofon. Ein kleiner Ratgeber zu diesem Thema.

Um Bändchenmikrofone, ihren Klang und ihre Benutzung ranken sich einige Mythen – hier wird aufgeklärt und aufgeräumt!
Was sind diese Vorteile wert?
Das klingt ja alles sehr vorteilhaft. Spricht also doch alles für Großmembran-Kondensatormikrofone? Bei genauerer Betrachtung zerfallen viele Argumente. Rauschen? Moderne Kleinmembraner rauschen kaum stärker als Großmembraner. Tiefenwiedergabe? Auch hier sind die Unterschiede heute marginal. Präsenz und verringerte Schärfe? Alles eine Sache der Abstimmung, es gibt ja auch sehr neutrale Großmembran-Mikros. Umschaltbare Pattern? Was schon feste Pattern angeht, haben Kleinmembraner den Vorteil, dass die kleinere Kapsel weniger abschattet, also die Richtcharakteristik bis in die Höhen stabiler bleibt. Und durch Verschaltung gewonnene Achten und Kugeln sind züglich der Frequenzstabilität prinzipbedingt deutlich schlechter als echte Achten (z.B. Schoeps CMC68 oder Bändchenmikrofone) und Druckempfänger-Kugeln (die es sehr selten auch in Großmembrantechnik gibt, etwa beim DPA 4041 oder dem Nordic NU-314K). Doppelmembrankapseln gibt es auch bei Kleinmembranern wie dem Senneheiser MKH 800, da mit deutlich besseren Ergebnissen! Auch Färbung durch Übertrager bei Röhrentechnik ooder FETs ist nicht Großmembranern vorbehalten: Das Telefunken M60 wäre nur ein Beispiel. Mit dem Royer R-122V gibt es sogar ein Röhren-Bändchen.
Recordingstudio ohne Großmembran-Kondensatormikrofon?
Ich kenne zugegebenermaßen kein Studio, das kein einziges GMK besitzt. Bei mir zum Beispiel sind Großmembraner im Verhältnis zu Kleinmembranern, Bändchen und Tauchspulenmikros aber sehr schwach vertreten. Unter den „echten“ befindet sich das von mir abgöttisch geliebte Microtech Gefell UM 92.1S, und wenn ich mal das von mir in den Rat-Style versetzte the t.bone SC 1200 absehe, ist es auch das einzige richtige Großmembran. Equitek E200 und Sonodore MPM-91 mk1 würde ich nämlich als Mittelmembran definieren wollen. Komplette Produktionen nur mit Bändchen oder nur mit Bändchen, Tauchspulen und einem Kleinmembran habe ich mehrfach gemacht und bin damit bei manchen Leuten auf Unverständnis gestoßen.
Mit folgender hochwertiger, beispielhafter Grundausstattung könnte man aber problemlos eine Reihe unterschiedlicher Produktionen fahren, ganz ohne Großmembraner:
- 2 x Coles 4038 – charaktervolle Bändchen, für Overheads, Mid-Kit, Akustikgitarre, Vocals, Streicher, Bläser, Snare Bottom, Bassdrum (außen), Gitarrenamps, Bassamps, als Stereo-Hauptmikrofon
- 2 x Schoeps Colette CMC65 – mechanisch umschaltbare Kleinmembraner (Niere, Druckempfänger-Kugeln) mit hoher Natürlichkeit und Detailtreue für Akustikgitarre, Overheads, Vocals, Streicher, als Raummikrofone und Stereo-Hauptmikrofone
- Shure SM7B – Alltounder-Tauchspulenmikrofon, für Vocals, Gitarrenamps, Bassamps, Snare, Bläser
- Sennheiser MD-421 – Tauchspulenmikrofon, Gitarrenamps, Bassamps, Snare, Bläser, Tom(s)
Psychologie und Marketing sollten aber nicht vernachlässigt werden. Zum Beispiel mag für eine Vocal-Aufnahme ein Schoeps technisch und kreativ gesehen das richtige Mikrofon sein, aber im Studio erwarten viele Sänger ein „großes“ Mikrofon, auch weil damit ein „großer“ Sound verbunden wird. Und nicht wenige Kunden fragen schnell nach den Mikrofonen und erwarten große Namen oder ihre direkten Nachahmer Die Anzahl an U87- und U47-Clones auf dem Markt spricht eine eigene Sprache.

Viele schrecken vor klassischen Ribbons wie dem Coles 4038 zurück, weil sie nicht wissen, wie sie sie handlen sollen.

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Fazit
Gut, ich will mit so einem Artikel natürlich bewusst polarisieren und etwas piesacken. Ich finde auch nicht, dass Großmembraner absolut verzichtbar sind sie haben natürlich ihre Berechtigung. Aber es geht definitiv auch ohne: Mir ist es wichtig, dass man diesen Mikrofontypus nicht unbedingt als gesetzt nimmt, sondern die Alternativen in Betracht zieht und ausprobiert. Wie oft habe ich gerade bei Vocals das Gefühl, dass Großmembran-Kondensatormikrofone verwendet werden, „weil man es eben so macht“ und dann nacher ein viel zu detailliertes und hochmittenlastiges Signal hat, das sich nicht so schön in den Mix integriert, wie es ein SM7B oder ein AEA R44C getan hätte.

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