Das schottische Duo Boards of Canada, bestehend aus den Brüdern Michael Sandison und Marcus Eoin, gehört seit den späten 1990er-Jahren zu den prägendsten Acts der elektronischen Musik. Ihre Alben verbinden warme analoge Synthesizerklänge mit fragmentierten Samples und akustischen Instrumenten. Trotz ihres weitreichenden Einflusses bleibt ihre Produktionsweise bis heute mitunter im Verborgenen. Die Musiker geben zwar gern Interviews, sprechen aber meist sehr zurückhaltend über konkrete technische Details ihrer Studios. Begeben wir uns also auf eine Spurensuche …

Um herauszufinden, wie Boards of Canada Musik machen, haben wir Interviews, alte Studiofotos und rekonstruierte Live-Setups analysiert. Vieles bleibt aber Spekulation. Daher werden im Folgenden ausschließlich Geräte, Software und Produktionsmethoden erwähnt, deren Nutzung glaubwürdig nachvollziehbar ist.
- Frühe Experimente mit Tape und Synthesizern
- Erste Synthesizer-Erfahrungen: Der Juno-60
- „Music Has the Right to Children“ und der Akai S1000
- Roland SH-101: Roygbiv und mehr
- Analoges Tape für den richtigen „Crunch“
- Sampler als Hauptinstrument auf „Geogaddi“
- Gitarren und Tape-Echos: „The Campfire Headphase“
- Computer und Software im Studio
- „Tomorrow’s Harvest“: Der Klang eines imaginären Soundtracks
Frühe Experimente mit Tape und Synthesizern
Michael Sandison und Marcus Eoin führten schon als Kinder Aufnahmeexperimente durch. In einem Interview mit Pitchfork erinnern sie sich: „Wir begannen damit, unsere eigene Musik aufzunehmen, als wir ungefähr zehn Jahre alt waren.“ Zu dieser Zeit hatten sie vor allem mit Kassettenrekordern zu tun, die sie nutzten, um Aufnahmen übereinander zu schichten. Dieses sogenannte „Tape Bouncing“, also das wiederholte Überspielen von Audiomaterial von einer Maschine auf eine andere, führte zu zunehmender Bandsättigung, Rauschen und Klangverfärbungen. Solche Artefakte, die sie also bereits als Kinder entdeckten, wurden später zu einem charakteristischen Bestandteil ihres Sounds.
Erste Synthesizer-Erfahrungen: Der Juno-60
Parallel dazu sammelten die Brüder früh Erfahrungen mit analogen Synthesizern. Einer der ersten Synthesizer, mit denen Sandison arbeitete, war ein Roland Juno-60 – ein klassischer polyphoner Analogsynth der 80er. Er ist bis heute für seinen warmen Klang und seinen charakteristischen Chorus-Effekt bekannt. Der Juno-60 besitzt eine relativ einfache Architektur mit einer einzelnen Oszillatorstufe pro Stimme, einem Suboszillator und einem analogen Filter. Gerade diese kompakte Klangarchitektur sorgt für seinen klaren und direkten Klang, der sich gut für warme Pads und einfache Leads eignet.

„Music Has the Right to Children“ und der Akai S1000
Im Jahr 1998 starteten Boards of Canada dann ihre Karriere mit dem Debütalbum „Music Has the Right to Children“, das bei Warp Records erschien. Es ist ein Meilenstein elektronischer Musik und weist Produktionsmethoden auf, die Boards of Canada bis heute verwenden, vor allem im Bereich der Sample-Manipulation. Eines der wichtigsten Geräte dafür war der Hardware-Sampler Akai S1000. Er erschien Ende der 1980er-Jahre und ermöglichte das Laden von Samples in einen Arbeitsspeicher, deren Tonhöhe, Startpunkte und Hüllkurven anschließend verändert werden können.

Michael Sandison sagte noch vier Jahre später, im Juli 2002, dass sein „Lieblingsgerät nach wie vor der Akai S1000“ sei. Dies zeigt, wie zentral das Sampling mit dem Gerät für die Arbeitsweise des Duos war: Viele der typischen Boards-of-Canada-Sounds entstanden 1998 durch das Sampling von kurzen Fragmenten aus Synthesizern, akustischen Instrumenten oder Field Recordings, die anschließend neu arrangiert werden.
Roland SH-101: Roygbiv und mehr
Der Lead-Sound in Kaini Industries, der markante Bass bei Roygbiv: Viele Tracks von Boards of Canada nutzen mit ziemlicher Sicherheit einen weiteren Klassiker von Roland, den SH-101. Ein Schlüssel zum Signature-Sound ist hier die leichte Pitchmodulation des VCOs. Und selbst wenn der leiernde Effekt sich auch durch Bandmaschinen erzeugen lässt, ist dieser Trick eine günstige(re) Lösung, dieser Klangästhetik näher zu rücken.
Den SH-101 findet man mittlerweile zwar nur noch gebraucht, aber es gibt gute moderne Alternativen, von denen die digitalen Synths Roland SH-01a und S-1 dem Originalsound noch näher kommen, als der analoge Behringer MS-1.
Analoges Tape für den richtigen „Crunch“
Neben dem Akai-Sampler spielte auch analoge Bandtechnik eine große Rolle. Marcus Eoin erklärte einmal: „Wir überspielen einen großen Teil unserer Musik auf eine Tascam-Maschine.“ Tascam-Vierspur-Recorder waren ursprünglich als kompakte Aufnahmegeräte für Heimstudios gedacht. Sie erlauben es, mehrere Spuren auf Audiokassetten aufzunehmen. Durch wiederholtes Überspielen an der Maschine entstehen starke Bandsättigung, Höhenverlust und leichte Tonhöhenschwankungen. Für viele Produzenten sind solche Artefakte unerwünscht – doch Boards of Canada nutzen genau diese Eigenschaften als kreatives Werkzeug.

Sampler als Hauptinstrument auf „Geogaddi“
Bei der Komposition der EP „In a Beautiful Place Out in the Country“ aus dem Jahr 2000 und dem zweiten großen Album „Geogaddi“ von 2002 entwickelte sich der Sound von Boards of Canada in eine dunklere Richtung weiter. In einem Interview erklärte das Duo, ihre Sampler seien auch dafür ihre wichtigsten Werkzeuge gewesen. Der kreative Prozess bestand damals oft darin, akustische Instrumente an Samplern zu verfremden. Ein bekanntes Beispiel ist der Track „Julie and Candy“ auf „Geogaddi“. Die beiden Musiker erklären in einem Interview, dass die zugrunde liegende Melodie ursprünglich mit Flöten eingespielt wurde. Danach wurde das Material mehrfach zwischen Tapemaschinen überspielt, wodurch es seine brüchige Klangfarbe erhielt.
Gitarren und Tape-Echos: „The Campfire Headphase“
Mit dem 2005 erschienenen Album The Campfire Headphase veränderte sich die Klangästhetik von Boards of Canada erneut. Während die beiden ersten Alben stark von Sampling und fragmentierten Loops geprägt waren, rückten akustische Instrumente in den Vordergrund. Besonders auffällig war der verstärkte Einsatz von Gitarren, ebenfalls manipuliert durch Sampler – und Drums. Michael Sandison erklärte 2005 gegenüber dem Portal Vibe-Net, dass „fast alle Schlagzeugspuren auf diesem Album live eingespielt sind“. Dies verleiht Tracks wie „Dayvan Cowboy“ eine deutlich organischere Rhythmik.
Ein weiterer zentraler Effekt für diese Phase war das Bandecho, also ein Delay, bei dem das Audiosignal über ein magnetisches Band geleitet wird. Durch den Abstand zwischen Aufnahme- und Wiedergabekopf entsteht eine zeitliche Verzögerung. Bandechos erzeugen aber nicht nur Wiederholungen eines Signals, sondern verändern auch dessen Klang. Jede Wiederholung wird leicht dunkler, verzerrter oder instabiler. Welches Gerät dafür genau verwendet wurde, lässt sich aber leider nicht ermitteln.
Computer und Software im Studio
Aufgrund der Produktionsweisen der ersten Alben werden Boards of Canada häufig mit analoger Hardware in Verbindung gebracht. Aber: Sie nutzen auch Computer – allerdings zurückhaltend. So ist etwa dokumentiert, dass Logic Audio mitunter zum Einsatz kam, allerdings primär als Aufnahme- und Arrangement-Werkzeug. Software ist für das Duo eher ein praktisches Hilfsmittel. Gegenüber Pitchfork wurden die beiden Brüder einmal ziemlich deutlich und sagten, sie seien „keine großen Fans von Laptop-Musik“. Neben Logic Audio werden in Equipment-Dokumentationen von Konzerten auch Produkte von Native Instruments erwähnt. Allerdings gibt es keine bestätigten Angaben dazu, welche konkreten Instrumente oder Plug-ins eingesetzt wurden.

„Tomorrow’s Harvest“: Der Klang eines imaginären Soundtracks
Nach einer längeren Pause erschien 2013 dann das Album „Tomorrow’s Harvest“. Dessen Klang wirkt deutlich kontrollierter und filmischer als der früherer Veröffentlichungen. Die Stücke erinnern teilweise an dystopische Soundtracks der 1970er- und 1980er-Jahre. Boards of Canada beschrieben das Konzept des Albums einmal als „soundtrack from the past“. Für dessen Klang griff das Duo wieder verstärkt auf Vintage-Synthesizer und klassische Drumcomputer zurück.
Synthesizer und Instrumente dienten auch hier als Rohmaterial, das transformiert wird. Für den Sound des Tracks „Semena Mertvykh“ kam etwa ein altes VHS-Deck zum Einsatz, auf das Samples überspielt wurden. Die besondere Qualität der Musik von Boards of Canada entsteht also bis heute weniger durch einzelne Geräte als durch einen spezifischen Prozess der Klangveränderung.
Michael Sandison beschrieb diese Ästhetik einmal mit einem sehr bildhaften Vergleich: Für ihn mache Boards of Canada eine Art „Popmusik, die auf einem heißen Armaturenbrett in der Sonne geschmolzen ist“. Mit dem Album „Tomorrow’s Harvest“ endet bis dato die Diskografie von Boards of Canada – und unsere kleine Tour durch ihre Produktionstechniken. Aber womöglich schmelzen die beiden Brüder ja auch in Zukunft noch ein paar Samples in glitzernde Electronic-Musik: Zuletzt tauchten jedenfalls seltsame Tapes bei Fans auf …























