Bei vielen großen Rockbands sieht man eine ziemlich klare Rollenverteilung: George Harrison spielt die Leadgitarre bei den Beatles, Richie Sambora bei Bon Jovi und Kirk Hammett tritt bei Metallica aufs Wah-Pedal. Im Studio gelten allerdings häufig andere Regeln. Produzenten holen Studiomusiker hinzu, Bandmitglieder wechseln die Instrumente, und manchmal taucht ein prominenter Gast auf, ohne dass die Öffentlichkeit davon Wind bekommt. So stammen einige der bekanntesten Gitarrensoli der Rockgeschichte ausgerechnet nicht von dem Musiker, dem man sie aus dem Bauch heraus zuschreiben würde. Wir haben für euch fünf berühmte Beispiele herausgesucht.

- Wenn auf der Platte plötzlich jemand anderes spielt
- The Beatles – „While My Guitar Gently Weeps“: Eric Clapton statt George Harrison
- The Beatles – „Taxman“: Paul McCartney spielt George Harrisons Solo
- Bon Jovi – „Runaway“: Das Solo stammt nicht von Richie Sambora
- Aerosmith – „Train Kept A-Rollin’“: Sessiongitarristen statt Joe Perry und Brad Whitford
- Metallica – „Nothing Else Matters“: James Hetfield statt Kirk Hammett
- Die unsichtbaren Stars berühmter Aufnahmen
Wenn auf der Platte plötzlich jemand anderes spielt
Dass auf einer Aufnahme nicht immer exakt die Besetzung zu hören ist, die man auf dem Albumcover sieht, ist nichts Ungewöhnliches. Besonders in den 1960er- bis 1980er-Jahren gehörten Sessionmusiker häufig zum festen Bestandteil einer Plattenproduktion.
Ein prominentes Beispiel dafür sind die Beach Boys, die für große Teile der Instrumentalaufnahmen zu „Pet Sounds“ auf Musiker aus dem Dunstkreis der sogenannten „Wrecking Crew“ zurückgriffen. Auch kommt es vereinzelt vor, dass die Rollen innerhalb einer Band im Studio vertauscht werden. So spielte z. B. Dave Grohl auf dem Debütalbum der Foo Fighters nahezu alle Instrumente selbst.
Die Gründe für solche Besetzungskarussells können unterschiedlich sein: Manche Bands waren bei ihren ersten Aufnahmen noch gar nicht vollständig formiert, andere holten für bestimmte Parts Spezialisten hinzu, und manchmal lieferte schlicht ein anderes Bandmitglied das passendere Ergebnis. Spannend wird es allerdings, wenn dieser Rollentausch die Erwartungshaltung des Hörers in die Irre führt. Genau solche Fälle wollen wir hier mal genauer betrachten.
The Beatles – „While My Guitar Gently Weeps“: Eric Clapton statt George Harrison
Dass George Harrison bei den Beatles für die Leadgitarre zuständig war, dürfte kein Geheimnis sein. Bei einer seiner berühmtesten Kompositionen für die Fab Four griff allerdings ein uns allen vertrauter Gast in die Saiten. Während der Recording-Sessions zum 1968 erschienenen „White Album“ war Harrison mit den bisherigen Aufnahmen von „While My Guitar Gently Weeps“ zunehmend unglücklich. Nach mehreren Anläufen fasste er letztlich den Entschluss, seinen engen Freund Eric Clapton für das Gitarrensolo ins Studio zu holen.
Clapton zögerte zunächst, da Gastmusiker bei den Beatles alles andere als selbstverständlich waren, willigte jedoch schließlich ein. Auf dem ursprünglichen „White Album“ wurde sein Mitwirken allerdings nicht offiziell genannt, sodass für viele der Eindruck entstand, Harrison selbst habe den Part gespielt. Bei der Produktion wurde Claptons Gitarrenspur zudem bearbeitet, um den Sound stärker an die typische Klangästhetik der Beatles anzupassen – ein Faktor, der zusätzlich dazu beitrug, dass man Claptons Handschrift nicht so offensichtlich wahrnahm.

In unserem ausführlichen Workshop präsentieren wir euch die wichtigsten Riffs und Solos von Mr. Slowhand Eric Clapton – aus fünf Dekaden seines Schaffens.
The Beatles – „Taxman“: Paul McCartney spielt George Harrisons Solo
Auch unser zweiter Kandidat stammt von den Beatles, und erneut handelt es sich um eine Komposition von George Harrison. „Taxman“ war der Opener des 1966 erschienenen Beatles-Albums „Revolver“ und enthält ein für die damalige Zeit ungewöhnlich aggressives Gitarrensolo. Statt Harrison griff jedoch Paul McCartney zur Epiphone Casino und spielte den markanten Leadpart.
Dass ausgerechnet McCartney hier an der Gitarre sitzt, ist übrigens kein völliger Ausnahmefall. Der Beatles-Bassist war ein absolut versierter Gitarrist und übernahm bei verschiedenen Aufnahmen immer wieder Gitarrenparts – man denke nur an „Blackbird“. Harrison nahm das sportlich und erklärte, er sei froh gewesen, dass Paul das Solo gespielt habe, und lobte ausdrücklich dessen „kleinen indischen“ Einschlag.
Toningenieur Geoff Emerick schilderte die Session später allerdings etwas anders und berichtete, Harrison habe sich zunächst selbst längere Zeit an einem Solo abgearbeitet. Welche Version nun zutreffend ist, lässt sich heute kaum noch zweifelsfrei klären. Sicher ist nur: Das endgültige Solo auf „Taxman“ stammt von Paul McCartney.
Bon Jovi – „Runaway“: Das Solo stammt nicht von Richie Sambora
In der Rockmusik gibt es einige Sänger-Gitarristen-Duos, die sich fest in die öffentliche Wahrnehmung eingebrannt haben. Dazu zählen Billy Idol und Steve Stevens, Axl Rose und Slash – und natürlich Jon Bon Jovi und Richie Sambora. Ausgerechnet auf Bon Jovis erstem großen Hit ist Sambora jedoch nicht zu hören.
Jon Bon Jovi arbeitete bereits vor der Entstehung der später bekannten Bandbesetzung mit Studiomusikern an Demoaufnahmen, die ihm den erhofften Plattenvertrag bescheren sollten. Einer dieser Songs war „Runaway“, auf dem der damals 23-jährige Sessiongitarrist Tim Pierce sämtliche Gitarrenparts einspielte.
Erst nachdem „Runaway“ für Aufmerksamkeit sorgte und Jon Bon Jovi eine feste Band formierte, stieß Richie Sambora hinzu. Pierce wurde bekanntermaßen zwar nicht Teil des späteren Line-ups, entwickelte sich jedoch zu einem der gefragtesten Studiogitarristen der US-amerikanischen Pop- und Rockszene und wirkte im Laufe seiner Karriere an zahlreichen erfolgreichen Produktionen mit. „Runaway“ zählt allerdings bis heute zu seinen bekanntesten frühen Studiomomenten.

Mit Runaway schaffte Bon Jovi 1984 den ersten großen Hit, bei dem Tim Pierce an der Gitarre ein nahezu schulbuchmäßig durchkomponiertes Solo abliefert.
Aerosmith – „Train Kept A-Rollin’“: Sessiongitarristen statt Joe Perry und Brad Whitford
Der Coversong „Train Kept A-Rollin’“ vom zweiten Aerosmith-Album „Get Your Wings“ gehört zu den frühen Klassikern der Band. Die Annahme, dass Joe Perry und Brad Whitford auch für die markanten Soli verantwortlich waren, ist daher nur naheliegend. In Wirklichkeit griffen hier jedoch die Sessiongitarristen Steve Hunter und Dick Wagner in die Saiten.
Produzent Jack Douglas erinnerte sich später daran, dass Perry und Whitford damals noch nicht über die Skills verfügten, die anspruchsvollen Leadparts so umzusetzen, wie sie es sich selbst vorstellten. Mit Zustimmung von Steven Tyler schlug Douglas deshalb vor, für einige Songs zusätzliche Studiogitarristen zu engagieren – sehr zum Unmut von Perry und Whitford. Er beruhigte die beiden jedoch mit dem Hinweis, dass die Gastmusiker auf dem Album nicht öffentlich genannt würden. Steve Hunter zufolge kam sein Einsatz nur zufällig zustande. Er hielt sich gerade im Studio auf, als Douglas ihn fragte, ob er Lust habe, etwas einzuspielen. Wenig später war eines der bekanntesten Gitarrensoli der frühen Aerosmith-Ära im Kasten.
Metallica – „Nothing Else Matters“: James Hetfield statt Kirk Hammett
Metallica-Fans wissen um die Rollenverteilung innerhalb der Band: James Hetfield ist der Rhythmusgitarrist und Riff-Schmied, während Kirk Hammett für die Soli zuständig ist. Ausgerechnet bei einem der größten Hits der Band trifft diese Aufteilung jedoch nicht zu. „Nothing Else Matters“ entstand ursprünglich aus einer Idee, die Hetfield während eines Telefonats einhändig auf den Leersaiten seiner Gitarre spielte. Da der Song sehr persönlich war und sowohl musikalisch als auch textlich einen klaren Stilbruch für Metallica bedeutete, war er zunächst gar nicht für das kommende Album eingeplant.
Lars Ulrich hörte jedoch ein Demo-Recording und überzeugte Hetfield davon, den Song für das „Black Album“ aufzunehmen. Hetfield übernahm daraufhin nicht nur die Rhythmus-Gitarre, sondern spielte auch das Solo selbst ein. Damit gehört „Nothing Else Matters“ zu den wenigen Metallica-Songs, bei denen Kirk Hammett nicht für den Leadpart verantwortlich ist.

In unserem Workshop lernt ihr James Hetfields Solo zu Metallicas berühmter Power-Ballade.
Die unsichtbaren Stars berühmter Aufnahmen
Songwriter und Produzenten haben oft eine sehr konkrete Vorstellung davon, wie ein Song oder ein einzelner Part klingen soll. Diese Ideen lassen sich jedoch nicht immer mit der bestehenden Bandbesetzung eins zu eins umsetzen. Im Studio zählt deshalb manchmal weniger die offizielle Rollenverteilung als die Frage, wer den gewünschten Part am überzeugendsten hinbekommt. Das kann ein anderes Bandmitglied sein, ein prominenter Gast oder eben auch mal ein erfahrener Sessionmusiker. Daraus lässt sich allerdings nicht automatisch schließen, dass der eigentliche Gitarrist „zu schlecht“ war. Häufig geht es um einen bestimmten Stil, eine spezielle Technik oder schlicht um den einen Take mit dem besonderen Charme. Für eine feste Bandbesetzung zählen schließlich noch ganz andere Faktoren, etwa Songwriting-Skills, die Chemie innerhalb der Band, aber natürlich auch das Image. Manche großen Alben entstehen deshalb zumindest teilweise nicht nach der üblichen Rollenverteilung – und dafür braucht es eben eine gesunde Portion Pragmatismus.